Warum ich nicht mehr auf den perfekten Montag warte

Triggerwarnung: Sexueller Missbrauch - keine expliziten Beschreibungen

Wie oft kann man eigentlich beschließen, an einem Montag sein Leben zu ändern?

Ab Montag esse ich gesünder. / Ab Montag bewege ich mich mehr. / Ab Montag tracke ich wieder. /
Ab Montag kümmere ich mich besser um mich. 

Und wenn der Montag nicht funktioniert hat? Dann eben nächsten Montag. Oder am Ersten des nächsten Monats. Nach dem Urlaub. Nach Weihnachten. Wenn es bei der Arbeit ruhiger wird. Wenn das Leben weniger kompliziert ist. 

Der perfekte Montag ist erstaunlich geduldig. Er wartet irgendwo in der Zukunft darauf, dass endlich alle Voraussetzungen stimmen. Ich habe inzwischen beschlossen, nicht mehr auf ihn zu warten. Vielleicht ist der perfekte Montag nämlich gar kein bestimmter Tag. Vielleicht kann er GENAU JETZT sein.

Mein Gewicht hat eine Geschichte

Über Gewicht zu sprechen ist erstaunlich einfach, solange man nur über Essen und Bewegung spricht: Kalorien rein. Kalorien raus. Mehr bewegen. Gesünder essen. Disziplin haben.
Durchhalten.

Aber mein Gewicht hat eine Geschichte, die komplizierter ist. Und es gibt einen Satz, den ich inzwischen aussprechen kann: "Ich habe sexuellen Missbrauch erlebt."
Mehr möchte ich darüber an dieser Stelle nicht erzählen. Dieser eine Satz gehört aber zu meiner Geschichte. Und damit gehört er auch zur Geschichte meines Körpers und meines Gewichts.Mein Körper war für mich lange nicht einfach nur mein Körper: Mein Gewicht war auch ein Schutzpanzer. Etwas zwischen mir und der Welt. Etwa zwischen mir und meinem Peiniger. Und wenn etwas eine solche Funktion erfüllt, ist es für mich rückblickend wenig überraschend, dass die Lösung nicht einfach darin bestand, endlich genügend Disziplin aufzubringen.

Wie verabschiedet man sich von etwas, das man gleichzeitig loswerden möchte und einmal gebraucht hat?

Heute bin ich an einem anderen Punkt. Ich bin inzwischen in meiner Therapie an einem Punkt angekommen, an dem ich das Gefühl habe: Ich darf diesen Schutzpanzer loslassen. Das ist für mich ein unglaublich wichtiger Unterschied. Ich muss ihn nicht mit Gewalt loswerden. Ich muss meinen Körper nicht bekämpfen. Ich darf ihn loslassen. Und damit verändert sich gerade auch mein Blick auf meine Abnehmjourney. Ich möchte nicht mehr gegen meinen Körper arbeiten. Ich möchte anfangen, mit ihm zu arbeiten. Mein Ziel ist deshalb größer als eine bestimmte Zahl auf einer Waage. Ich möchte mich in meinem Körper wohlfühlen. Ich möchte ihn nicht mehr als Schutz brauchen. Und ich möchte ihn vor allem nicht länger als meinen Gegner betrachten.

Diesmal versuche ich es anders

Das bedeutet allerdings nicht, dass ich morgens aufwache, mich liebevoll ansehe und sämtliche alten Verhaltensmuster verschwunden sind. Schön wär's. Veränderung braucht für mich Struktur. Deshalb habe ich mir ein kleines System gebaut. Ich wiege mich einmal pro Woche, immer am gleichen Tag, und dokumentiere meine Entwicklung in Google Health. Mein Essen und meine Getränke tracke ich mit YAZIO Premium, ebenfalls verbunden mit Google Health. Für mehr Bewegung nutze ich ein Programm, das mir jeden Tag einen kurzen Plan gibt. Dazu kommen DoReset und Finch, mit denen ich Routinen und positive Gewohnheiten unterstütze. Keine dieser Apps wird für mich abnehmen, aber sie nehmen mir kleine Entscheidungen ab. Sie geben mir Struktur. Und vor allem helfen sie mir dabei, im Flow zu bleiben. Ich versuche außerdem, Bewegung nicht mehr ausschließlich als etwas zu betrachten, für das ich irgendwann ein großes Zeitfenster finden muss. Warum nicht ein Meeting beim Laufen machen, wenn es sich dafür eignet? Es muss nicht immer das perfekte Workout sein. Vielleicht zählt der Spaziergang während eines Calls genauso zu diesem neuen Umgang mit mir. 

Die schwierigste Übung hat nichts mit Sport zu tun

Das Schwerste an meiner Abnehmjourney ist momentan nicht die Bewegung. Es ist auch nicht das Tracken. Es ist: sanft mit mir zu bleiben. Wenn etwas nicht funktioniert. Wenn ich anders esse als geplant. Wenn ich keine Zeit fürs Meal Prep gefunden habe. Wenn ein Tag einfach ein schlechter Tag war.
Mein altes Denken kennt darauf eine ziemlich einfache Antwort: Jetzt hast du es sowieso versaut.
Dieser Gedanke ist gefährlich. Denn aus einer Mahlzeit wird plötzlich ein Tag. Aus einem Tag wird ein Wochenende. Und irgendwann wartet schon wieder der nächste perfekte Montag. Genau diesen Kreislauf möchte ich durchbrechen.

Ein Ausrutscher ist kein Abbruch. Eine ungeplante Mahlzeit ist kein Scheitern. Ein Tag ohne Bewegung macht die Bewegung der vergangenen Tage nicht ungeschehen.
Ich muss nicht perfekt sein, um konsistent zu sein. 

Diesen Satz muss ich selbst wahrscheinlich noch ziemlich oft lesen.

Und dann ist da noch Meal Prep

Falls dieser Text bis hierher zu sehr nach tiefgreifender Selbsterkenntnis klingt: Keine Sorge. Es gibt auch sehr profane Probleme. Zum Beispiel Meal Prep. Ich weiß, dass Vorbereitung mir hilft. Ich weiß, dass mein Alltag leichter wird, wenn gutes Essen vorbereitet ist. Ich weiß, dass ich dadurch weniger spontane Entscheidungen treffen muss. Ich weiß das alles. Ich muss nur noch regelmäßig die Zeit dafür finden. Auch das gehört für mich inzwischen zur Wahrheit dieser Reise. Es gibt nicht nur große psychologische Erkenntnisse. Manchmal muss man sonntags eben auch Gemüse schneiden. 

Ich möchte mein Leben nicht auf später verschieben

Vielleicht ist das eine der wichtigsten Veränderungen für mich. Ich möchte abnehmen. Ich habe noch einen langen Weg vor mir. Aber ich möchte nicht mehr denken: Wenn ich irgendwann mein Ziel erreicht habe, dann beginnt das gute Leben. Dann kaufe ich mir schöne Kleidung. Dann lasse ich mich fotografieren. Dann reise ich. Dann gehe ich aus. Dann fühle ich mich schön. Dann bin ich stolz auf mich.
Nein.
Ich möchte heute ins Theater gehen. Heute reisen. Heute gutes Essen genießen. Heute schöne Kleidung tragen. Heute auf Fotos sein. Heute etwas Neues lernen. Heute stolz darauf sein, dass ich mich um mich kümmere. 

Mein Leben ist kein Wartezimmer für eine zukünftige Version von mir.

Vielleicht liest das gerade jemand, dessen Gewicht ebenfalls eine Geschichte hat. Dann möchte ich dir vor allem eines sagen:
Ich habe keine perfekte Lösung. Ich bin mittendrin. Ich habe gute Tage und schlechte Tage. Ich habe Motivation und trotzdem Momente, in denen es schwierig ist. Ich brauche Apps, Routinen, Vorbereitung und manchmal wahrscheinlich auch einen ziemlich deutlichen Tritt in meinen eigenen Hintern. Aber ich beginne langsam zu verstehen, dass Veränderung nicht zwangsläufig mit einem Kampf gegen mich selbst beginnen muss. Vielleicht beginnt sie damit, zu verstehen, warum etwas einmal da war. Vielleicht beginnt sie mit dem Gedanken, dass man etwas, das einen einmal geschützt hat, irgendwann nicht mehr braucht. Und vielleicht beginnt sie damit, den eigenen Körper nicht länger als Gegner zu betrachten. 

Ich möchte meinen Schutzpanzer nicht mehr brauchen. Ich möchte meinen Körper kennenlernen, statt ihn zu bekämpfen. Ich möchte leichter werden. Aber vor allem möchte ich freier werden. Und dafür warte ich nicht mehr auf Montag. 

Mein perfekter Montag ist jetzt.


Alle Bilder wurde mit Hilfe von KI aus eigenen Aufnahmen erstellt

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