Rezension: "Antikörper" – Wenn das Böse leise spricht und man trotzdem zuhört
Es gibt Filme, die man einmal sieht und dann abhakt. Und es gibt Filme, zu denen man immer wieder zurückkehrt, obwohl – oder gerade weil – sie weh tun. "Antikörper" gehört für mich ganz eindeutig zur zweiten Kategorie. Ich habe diesen Film inzwischen dreimal gesehen – und bin noch immer fasziniert von seiner Geschichte, seinen Bildern und dieser beklemmenden Atmosphäre, die sich langsam, aber unausweichlich unter die Haut schiebt.
Im Zentrum der Geschichte stehen zwei Figuren, die unterschiedlicher kaum sein könnten und doch auf verstörende Weise miteinander verbunden sind. Auf der einen Seite Michael Martens, der Dorfpolizist, gespielt von Wotan Wilke Möhring. Ein Mann, der versucht, Ordnung, Moral und Kontrolle aufrechtzuerhalten – beruflich wie privat. Auf der anderen Seite der Serienmörder Gabriel Engel, grandios verkörpert von André Hennicke. Kalt, manipulativ, intelligent – und erschreckend ruhig.
Was hier entsteht, ist kein klassisches Katz-und-Maus-Spiel, sondern ein psychologischer Machtkampf, der sich weniger über Action als über Worte, Blicke und unausgesprochene Drohungen entfaltet. Jede Begegnung der beiden ist schwer auszuhalten – und gleichzeitig unmöglich zu ignorieren.
Die schauspielerischen Leistungen sind für mich das Herzstück dieses Films. Wotan Wilke Möhring spielt Martens mit einer inneren Zerrissenheit, die man in jeder Szene spürt. Er ist kein strahlender Held, sondern ein Mensch mit Rissen, Zweifeln und dunklen Ecken.
André Hennicke wiederum ist als Gabriel Engel schlicht erschreckend gut. Seine ruhige Art, dieses fast sanfte Auftreten, während er gleichzeitig das absolut Böse verkörpert, ist kaum auszuhalten – und genau deshalb so fesselnd. Man will wegsehen, bleibt aber trotzdem dran.
Ein besonderer Kontrast kommt durch Heinz Hoenig ins Spiel. Seine Rolle bringt in kleinen, fast beiläufigen Momenten eine fast väterlich-komödiantische Leichtigkeit in den Film. Und genau diese kurzen Atempausen sind extrem wichtig. Ohne sie wäre die Schwere der Geschichte kaum auszuhalten.
Man muss ehrlich sein: "Antikörper" ist kein angenehmer Film. Die Geschichte ist grausam, triggernd und stellenweise abstoßend. Christian Alvart nimmt hier keine Rücksicht auf Wohlfühlzonen. Gewalt wird nicht ausgeschlachtet, aber psychologisch so präzise gesetzt, dass sie lange nachwirkt.
Und trotzdem – oder gerade deshalb – bleibt man bis zum Schluss dabei. Die Story ist so klug konstruiert, dass man sich ihr kaum entziehen kann. Jeder neue Hinweis, jede Wendung fügt sich zu einem düsteren Puzzle zusammen, das erst im letzten Plot Twist seine volle Wirkung entfaltet.
Neben der Geschichte sind es die Bilder, die mich immer wieder faszinieren. Kühle Farben, klare Kompositionen, eine fast sterile Ästhetik, die perfekt zur inneren Leere und Kälte der Figuren passt. Das Dorf, die Gefängnisszenen, die Verhörräume – alles wirkt kontrolliert, fast erstarrt. Und genau darin liegt die Bedrohung.
"Antikörper" ist ein Film, den man nicht „einfach so“ schaut. Er fordert Aufmerksamkeit, emotionale Stabilität und die Bereitschaft, sich mit dem Bösen auseinanderzusetzen – ohne einfache Antworten zu bekommen. Für mich ist er ein psychologischer Thriller auf extrem hohem Niveau, getragen von herausragenden Darstellern und einer Geschichte, die sich tief ins Gedächtnis gräbt. Ein Film, der verstört, fasziniert und lange nachhallt. Und einer, den man vielleicht nicht oft sehen möchte – den man aber auch nach dem dritten Mal nicht vergisst.
Ich vergebe 4,7 von 5 Punkten.
Bildrechte: Kinowelt Filmverleih


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